13/05/2026
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Wer Technologie, Daten und klare Führung verbindet, schafft die Grundlage, um E-Commerce in einer von KI getriebenen Zukunft erfolgreich zu gestalten. In einem Markt, der sich rasant durch „Agentic Commerce“ verändert, machen Unternehmen den Unterschied, die Geschwindigkeit, Anpassungsfähigkeit und Kundenzentrierung konsequent zusammendenken.
Nina Kristin Pütz, CEO von parfumdreams & Niche Beauty, gestaltet digitales Wachstum an der Schnittstelle von Technologie, Markenführung und Unternehmenskultur. Mit ihrer Erfahrung aus Plattform-, Fintech- und Beauty-Business zeigt sie, wie datengetriebene Entscheidungen, agile Teams und authentische Führung Unternehmen nachhaltig erfolgreich machen.
Oliver Büscher, Partner bei Morgan Philips Executive Search, hat mit ihr darüber gesprochen, wie sich E-Commerce, Führungsverständnis und die Rolle von Technologie in einer sich ständig wandelnden digitalen Welt neu definieren.
1) Liebe Nina, in „Die Macherinnen“ erzählst du sehr offen von deinem eigenen Weg: von prägenden Erfahrungen bis hin zu mutigen Entscheidungen in der digitalen Wirtschaft. Wenn du heute auf deine Karriere zurückblickst: Welche Momente oder Wendepunkte haben deine Art, digitale Unternehmen zu führen, am stärksten geprägt?
Ganz klar meine 15 Jahre bei eBay. Das war meine Schule für alles, was mit Skalierung, Daten und E-Commerce zu tun hat. Dort habe ich gelernt, wie man Systeme baut, die Millionen von Menschen erreichen. Aber der mutigste Schritt war der Wechsel zu Ratepay. Plötzlich war ich CEO in der Fintech-Welt – eine völlig neue Branche für mich. Bei Ratepay habe ich verstanden, dass Technologie und Vertrauen untrennbar sind. Wenn das Payment nicht funktioniert, ist das schönste Shopping-Erlebnis wertlos. Dieser Weg – vom Marktplatz-Giganten über die Fintech-Klarheit hin zu parfumdreams und Niche Beauty – hat mir gezeigt: Du musst die Technik beherrschen, um am Ende die Freiheit zu haben, Marken mit Herzblut zu führen.
2) Nina, du hast den E-Commerce über Jahre hinweg aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln erlebt. Wenn du heute auf diesen dynamischen Markt schaust, in dem Technologie, Kundenerwartungen und Wettbewerb sich im Wochentakt ändern: Welche strategischen Entscheidungen triffst du jetzt, um dein Unternehmen nicht nur stabil durch diese Geschwindigkeit zu navigieren, sondern es so aufzustellen, dass es in drei, fünf oder zehn Jahren noch immer zur Gewinnerseite gehört?
Ich entscheide heute nicht mehr über die Farbe des Buttons im Webshop, sondern über unsere Datenarchitektur. Der Online-Handel, wie wir ihn kennen, löst sich gerade auf. Wir steuern auf den Agentic Commerce zu. Das heißt: In Zukunft schicken meine Kundinnen ihre KI-Agenten zum Einkaufen los. Meine wichtigste Aufgabe ist es deshalb, dafür zu sorgen, dass wir „discoverable“ sind – also dass Maschinen uns finden und empfehlen. Wer seine Daten nicht im Griff hat, findet in fünf Jahren nicht mehr statt. Gleichzeitig machen wir den Shop intelligent: Er soll die Kundin verstehen, bevor sie überhaupt die Suche startet. Tech ist kein Nice-to-have mehr, es ist unsere Existenzberechtigung.
3) Als CEO von Parfumdreams & Niche Beauty führst du ein Business, das zugleich hoch emotional, schnelllebig und stark datengetrieben ist. Wie gelingt es dir, in diesem Zusammenspiel von Markeninszenierung, Technologie und harten KPIs den Überblick zu behalten? Welche persönlichen Routinen helfen dir, im Alltag klar zu priorisieren und schnelle wirkungsvolle Entscheidungen zu treffen?
Ich bin ein Fan von Klarheit. Bei parfumdreams heißt das: „Tech macht Beauty fair“ – wir machen Schönheit für jeden zugänglich. Bei Niche Beauty geht es um das Kribbeln, wenn man eine neue Marke entdeckt. Wir bringen das Besondere hervor und stehen für Exklusivität und Luxus im Online-Beauty-Markt. Diese Leitplanken helfen mir, nicht im KPI-Dschungel zu versinken.
Und was meine Routinen angeht: der frühe Morgen und der späte Abend sind mir heilig. Das sind die Stunden, in denen ich den Tag sortiere und etwas Zeit für mich habe. Und wenn gar nichts mehr geht: Raus in die Natur, am liebsten aufs Wasser. Da lernst du Demut vor den Elementen und dass du schnell reagieren musst, wenn der Wind dreht – passt ganz gut zum Umfeld gerade.
4) Die letzten Jahre waren für viele Führungskräfte eine Ausnahmesituation: Pandemie, veränderte Konsummuster, neue Arbeitsmodelle und wirtschaftliche Unsicherheit. Was hat diese Zeit DICH persönlich als Leaderin gelehrt – über Entscheidungsfindung, Teamführung und deinen eigenen Umgang mit Unsicherheit? Und welche dieser Erkenntnisse begleiten dich heute weiterhin im Alltag als CEO?
Dass du als Führungskraft echt und nahbar sein musst. In der Krise merken die Leute sofort, wenn du ihnen was vormachst. Ich habe gelernt, dass es okay ist, nicht auf alles sofort eine Antwort parat zu haben - solange man einen klaren Kurs vorgibt. Sowohl bei brands4friends, Ratepay als auch jetzt bei parfumdreams und Niche Beauty habe ich gesehen: Unsicherheit begegnet man am besten mit Klarheit und Offenheit. Wer mit mir arbeitet, weiß das ziemlich genau.
5) „Agilität“ ist ein Begriff, den viele nutzen aber selten wirklich mit Leben füllen. Wie schafft ihr bei parfumdreams & Niche Beauty eine Arbeitskultur, in der Teams schnell ins Handeln kommen, offen und mutig kommunizieren sowie funktionsübergreifend wirklich zusammenarbeiten? Und welche Strukturen oder Rituale tragen dazu bei, dass Produkt, Tech, Marketing und Operations im Alltag als ein starkes System funktionieren?
Indem wir die Hierarchie weglassen, wo sie nur bremst. Bei uns sitzen Tech-Leute, Marketing-Experten und Logistiker an einem Tisch und lösen Probleme gemeinsam, statt sich Tickets zu schicken. Wir arbeiten viel mit Zielen, die das Team selbst mitgestaltet, statt sie nur von oben vorgesetzt zu bekommen. Mir ist wichtig, dass wir eine Atmosphäre haben, in der man auch mal scheitern darf, solange man daraus lernt. „Einfach mal machen“ ist bei uns keine Floskel. Es ist Teil unserer Unternehmenskultur. Damit schaffen wir Tempo und Selbstvertrauen im Team.
6) Führung bedeutet oft auch, sichtbar zu sein und Entscheidungen zu tragen, die nicht allen gefallen. Wie gehst du persönlich mit Druck oder Kritik um und welche Werte sind dabei für dich nicht verhandelbar?
Ich versuche, Druck nicht persönlich zu nehmen. Wenn Feedback kommt, schaue ich: Hilft mir das, besser zu werden? Wenn ja, danke. Wenn nein, weg damit. Klingt vielleicht radikal, hilft aber, sich nicht in ständiger Selbstreflexion zu zermürben. Aber auch bei mir kommt bisweilen mal das Imposter-Syndrom durch…
Was für mich absolut nicht verhandelbar ist, sind Haltung und Authentizität. Ich erwarte von meinem Team, dass sie mir die Wahrheit sagen, auch wenn es weh tut. Und ich stehe für echte Vielfalt. Nicht für die Quote, sondern weil ich weiß, dass wir nur mit unterschiedlichen Köpfen die besten Ideen für unsere Kundinnen entwickeln.
7) In ,,Die Macherinnen" spielt das Thema Vorbilder eine wichtige Rolle. Welche Menschen inspirieren dich heute und warum?
Mich inspirieren Frauen, die anpacken. Miriam Wohlfarth ist zum Beispiel so ein Energiebündel – sie hat in der Fintech-Welt gezeigt, was mit Hartnäckigkeit möglich ist. Aber auch die vielen Gründerinnen kleiner Beauty-Brands, die wir bei Niche Beauty kuratieren. Ihre Leidenschaft für ihr Produkt erinnert mich immer daran, warum wir das Ganze eigentlich machen: um Menschen ein gutes Gefühl zu geben.
8) Zum Abschluss: Wenn du heute all die Erfahrungen, Wendepunkte und Entscheidungen deiner Karriere zusammen nimmst. Was ist die eine Sache, von der du sagst: Genau das möchte ich der nächsten Generation von Führungskräften mitgeben?
Traut euch, euren eigenen Stil zu haben. Man muss nicht laut, glattgebügelt oder ein ganz bestimmter Typ sein, um nach oben zu kommen. Bewahrt euch eure Individualität, eure Neugier und seid bereit, euch alle paar Jahre neu zu erfinden. Die Welt ist zu schnell für Stillstand. Habt den Mut, zu euren Ecken und Kanten zu stehen, und vergesst vor lauter Zahlen nicht den Spaß an der Sache! Gerade in diesen Zeiten, in denen KI fast alles möglich macht und uns täglich von neuem fasziniert, machen Menschen den Unterschied.